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Vor 175 Jahren setzte sich der Sylter Friese für eine parlamentarische Verfassung ein
Uwe Jens Lornsen als Mensch und als politischer Impulsgeber
BREDSTEDT (NfI). Vor 175 Jahren - im europäischen Revolutionsjahr 1830 - veröffentlichte der Sylter Friese Uwe Jens Lornsen seine Flugschrift "Über das Verfassungswerk in Schleswigholstein". Im Gedenken an diesen Vorreiter für eine parlamentarische Demokratie veranstalteten die Historischen Arbeitsgruppen des Nordfriisk Instituut zusammen mit der Söl'ring Foriining und dem Grenzfriedensbund einen Vortragsnachmittag in Bredstedt.
"Die Finanzverwaltung des Staates ist ein Geheimniß vor der Gesammtheit der Staatsbürger". Mit diesen Worten Lornsens stimmte Institutsdirektor Prof. Dr. Thomas Steensen die gut besuchte Versammlung auf das Thema ein und nahm die ungewollte Aktualität des Zitats durchaus in Kauf. Ohne Zweifel gab Lornsen "Anstöße zu Entwicklungen, die letztlich zum Untergang des Absolutismus und zu einer Verfassung auf parlamentarischer Grundlage führten", so Steensen weiter. Leider wurde der "Revolutionär" von seiner Nachwelt auch missbraucht bzw. zum Mythos erhoben. Doch habe er sich selbst nicht anders eingeschätzt, "als die Fliege, welche sich auf den Gipfel des Schneebergs niedergesetzt und damit eine Lawine in Gang gebracht hat."
Mit dem Thema "Uwe Jens Lornsen ohne Mythos" beschäftigte sich Dr. Johannes Jensen, Autor des Grundlagenwerks "Nordfriesland in den geistigen und politischen Strömungen des 19. Jahrhunderts" sowie, neben anderem, auch einer Lornsen-Biografie. Der Politiker Lornsen dürfe nicht losgelöst vom Menschen betrachtet werden, lautete sein Credo. Vieles deutet darauf hin, dass Genie und Wahnsinn hier dicht beieinander lagen. So wähnte sich Lornsen krank, gegeißelt von einer üblen, ansteckenden Hautkrankheit, für die jedoch niemals ein körperliches Symptom gefunden werden konnte. Er gab abrupt eine glänzende Beamtenkarriere auf, wurde 1830 für wenige Tage Landvogt von Sylt, ging für sein politisches Engagement ein Jahr ins Gefängnis und anschließend nach Rio de Janeiro, wo er sich Heilung von seiner Krankheit versprach. Hier verfasste er sein politisches Vermächtnis "Über die Unions-Verfassung für Schleswigholstein und Dänemark". Als er mit 45 Jahren nach Europa zurückkehrte, hatte er alle Hoffnung auf Heilung seiner "Krankheit" verloren und setzte seinem Leben im Genfer See ein Ende.
Neben den hypochondrischen Wahnvorstellungen stand ein scharfer Verstand, arbeitete Jensen heraus. Als politische Lehre aus den Vorgängen in Frankreich, Belgien und anderen Ländern forderte Lornsen eine gemeinsame Repräsentativverfassung für "Schleswigholstein", die Verlegung der Regierungsbehörden von Kopenhagen in die Herzogtümer sowie einen eigenen Gerichtshof. Gemeinschaftlich bleiben sollten der Landesherr, das Militär und die Außenpolitik. "Nur der König und der Feind sey uns gemeinschaftlich." Die Schreibweise "Schleswigholstein" benutzte er, um die untrennbare Verbindung der Herzogtümer zu betonen. Hieraus wurde später das Bild des "Dänenhassers" abgeleitet. Doch formulierte Lornsen als erster auch den weitsichtigen Gedanken einer Teilung des Herzogtums Schleswig nach "natürlichem Recht", also mit Rücksicht auf Sprache und Volkstum.
"Bürgernähe, Transparenz, gelebte Demokratie" waren Lornsens Ziele, die er in seinem Werk "Vorschläge für eine Kommunalverfassung Schleswig-Holsteins" niederschrieb. Im Einzelnen erläuterte dies Prof. Dr. Manfred Jessen-Klingenberg, ein führender Kenner der Landesgeschichte. Eine Erneuerung der bestehenden Kommunalverfassungen war zu Beginn des 19. Jahrhunderts dringend geboten, darüber bestand bei den politisch Engagierten im Lande Einmütigkeit. Zu groß waren Privilegierungen und Benachteiligungen, Umständlichkeit und Schwerfälligkeit in Verwaltung und im Gerichtswesen. Lornsen schlug drei Reformmodelle vor: 1. Eine Amtsverfassung unter Auflösung der Guts- und Klosterverwaltungen. 2. Eine Landschaftsverfassung mit sechs groß angelegten Ämtern. Hier nannte Lornsen u. a. eine "Landschaft Nordfriesland zwischen der Eidau und Wiedau". Diese ganzheitliche Betrachtung des friesischen Siedlungsgebietes sollte aber erst 150 Jahre später politische Wirklichkeit werden. 3. Eine Gauverfassung unter Beibehaltung der Harden oder Kirchspielsvogteien. Auch in diesem Werk legte Lornsen "Zeugnis ab, von seiner großen Begabung, und es weist ihn zugleich aus als hervorragenden Kenner der lokalen und regionalen Verwaltung sowie der Rechts- und Gerichtsverhältnisse", fasste Jessen-Klingenberg zusammen.
Wie die von Lornsen beabsichtigte Volksbewegung für eine Repräsentativverfassung zusammenbrach, noch bevor sie sich gebildet hatte, schilderte Dr. Johann Runge. Er leitete über zwei Jahrzehnte die Studienabteilung der dänischen Zentralbibliothek in Flensburg und beschäftigte sich stark mit der Geschichte des schleswigschen Grenzlandes. In seinem Vortrag "Lornsen in Kiel vom 19. Oktober bis 6. November 1830" referierte er im Detail die Bemühungen Lornsens um eine "Petitionsbewegung". Lornsen glaubte die Zeit reif dafür. Skepsis, Einwände und Mahnungen der "älteren Liberalen" ignorierte er. Schließlich fühlte er sich getäuscht von den Freunden, die einen bürokratischen Ablauf vorzogen, und ging seinen eigenen, einsamen Weg.
(Text: Harry Kunz)
Foto: von links: Dr. Johannes Jensen, Dr. Johann Runge, Prof. Dr. Thomas Steensen, Dr. Manfred Jessen-Klingenberg